Unser Standpunkt
zusammenleben:
Einwanderung als Fakt und Chance
»Deutschland ist ein Einwanderungsland.« Über den Wahrheitsgehalt dieser Aussage scheint seit einiger Zeit in fast allen maßgeblichen Bereichen von Politik, Wirtschaft und Verbänden Einigkeit zu bestehen. Mehr noch: Unter Arbeitgebern und Gewerkschaften, Politikern, Kirchen und gesellschaftlichen Initiativgruppen gibt es einen breiten Konsens darüber, dass Deutschland Einwanderung auch tatsächlich braucht, dass die Republik auf Einwanderung genauso angewiesen ist wie auf eine gelingende Integration der Zuwanderer.
Daher scheint es notwendig und lohnend, die Herausbildung einer Aufnahmekultur als Bestandteil demokratischer Kultur zu fordern und zu fördern. Am Horizont steht dabei die keineswegs unrealistische Vision einer Gesellschaft, die Integration nicht nur verlangt, sondern auch bietet und die eine anerkennende Offenheit gegenüber Zuwanderern als Katalysator positiver Veränderungen in allen Bereichen begreift.
Verfolgt man aber die Berichte in den Medien und die Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit, entsteht der Eindruck einer enormen Angst vor der Zukunft einer Angst, die ihren Ausdruck immer wieder im Zerrbild einer durch Einwanderung überlasteten oder sogar bedrohten Gesellschaft findet. »Ausländer«, so lautet eine seit den Siebzigerjahren nicht nur an Stammtischen, sondern auch in Wahlkampfreden immer wieder verbreitete Botschaft, sind in erster Linie ein Problem. So denken nicht nur die Verbreiter ausländerfeindlicher Parolen: Auch das Denken besonnener Menschen wird häufig von der diffusen Angst vor unkontrollierbaren und nicht integrationsfähigen »Einwandererströmen« bestimmt.
Aber was ist eigentlich das Problem am »Ausländerproblem«? Besteht es vielleicht gerade darin, dass Migranten und Migrantinnen immer wieder als »Ausländer« abgestempelt und nicht als »Einwanderer« angenommen werden? Oder bleiben Menschen etwa auch dann »Ausländer«, wenn sie dauerhaft im Inland leben? Wie müssen wir uns und unsere Gesellschaft ändern, um im Interesse aller eine lebenswerte Zukunft zu gestalten? Wesentlich wird es sein, Einwanderung nicht nur als Fakt anzuerkennen, sondern auch als Chance wahrzunehmen und zu nutzen.
zusammen lernen:
Jugendbildungsarbeit als Interaktions- und Kommunikationsprozess
Bei der Ermöglichung und bei der Gestaltung einer lebenswerten Zukunft in einer offenen, vielseitigen und wandlungsfähigen Gesellschaft kommt Bildungsprozessen eine grundlegende Rolle zu. Daher widmet sich die Projektgruppe zusammen > leben >> lernen • des C.-Pirckheimer-Hauses der pädagogischen Bearbeitung von Einwanderung und Integration als zentralen gesellschaftlichen und politischen Fragen der Gegenwart. Durch Entwicklung und Durchführung von Seminarmodellen für Jugendliche sowie durch Beteiligung an lokalen und überregionalen Netzwerken will sie einen Beitrag zur Herausbildung einer produktiven Kultur der Aufnahme als Teil demokratischer Kultur leisten.
Unsere Zielgruppe umfasst junge Menschen auf beiden Seiten des Migrationsprozesses, also Jugendliche aus Zuwandererfamilien gemeinsam mit jungen Angehörigen der Aufnahmegesellschaft. Denn wir gehen davon aus, dass Integration ein beidseitiger Prozess ist: Zuwanderer und Eingesessene müssen beide mitwirken, damit Integration gelingt. Gemeinsam gilt es zu lernen und gemeinsam gilt es an einer Gesellschaft zu arbeiten, die Zukunft hat, weil sie menschlich, offen und (kulturell ebenso wie wirtschaftlich) produktiv ist.
Gerade in Schulklassen mit vielen Jugendlichen aus Zuwandererfamilien sind das wichtige Themen. Schülerinnen und Schüler müssen für die Belange einer offenen Gesellschaft und für die Möglichkeiten der Gestaltung einer solchen Gesellschaft sensibilisiert werden. In ihrem schulischen Umfeld können sie notwendige interkulturelle und demokratische Kompetenzen entwickeln. Als Träger außerschulischer Jugendbildung bieten wir deshalb ein Seminarprogramm, das zur Veränderung des Alltags innerhalb und außerhalb der Schule beitragen will.
zusammen / leben / lernen
Interkulturelle Pädagogik und politische Bildung
Bildungsarbeit für Vielfalt und Offenheit betrifft den konkreten Alltag von Jugendlichen genauso wie ihr Wissen um gesellschaftliche Vorgänge und demokratische Entscheidungsprozesse. In diesem Sinne verbindet das Projekt Prinzipien der politischen Jugendbildung mit Elementen der interkulturellen Pädagogik. Kommunikation, Interaktion und Information lauten die Grundpfeiler unserer Arbeit. Mit diesen Mitteln wollen wir:
- Demokratische Werte und Kompetenzen vermitteln: Denn eine Aufnahmekultur ist nicht nur Bestandteil demokratischer Kultur, sondern setzt diese notwendig voraus. Wesentlich ist neben der Kenntnis von Partizipationsmöglichkeiten eine Sensibilisierung für demokratisches Handeln als alltägliche Praxis.
- Zur Reflexion der kulturellen Aspekte von Identität beitragen: Es geht darum, gesellschaftliche und individuelle Wertvorstellungen bewusst zu machen und sie zu hinterfragen, um gleichermaßen sensibel mit der »eigenen« wie mit anderen Kulturen umzugehen. Gleichzeitig müssen Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeitswahrnehmung gestärkt werden. Denn das Gelingen gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse beruht auf Grundsicherheiten Veränderung braucht Engagement und Mut.
- Interkulturelle und soziale Kompetenzen schulen: Wesentlich ist es, die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, zur Empathie und zur Toleranz von Differenzen zu fördern. Es geht darum zu lernen, einander zuzuhören, die Erfahrungen der jeweils »anderen« als bedeutungsvoll anzuerkennen und sich somit gemeinsame Erfahrungsräume zu erschließen. Denn nicht nur »Ausländer« werden ausgegrenzt und nicht nur »Migranten« sehen sich mit gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen konfrontiert, die sie manchmal nur mit Mühe meistern können.
- Die Auseinandersetzung mit der Einwanderungsgesellschaft fördern: Das heißt nicht zuletzt, notwendige Kenntnisse zu vermitteln über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Einwanderung. Dazu gehört Wissen um die Geschichte der Migrantinnen und Migranten, um ihre Motive und um ihren Beitrag zu Kultur und Wirtschaft Deutschlands. So kann der zunehmenden Tendenz zur Ethnisierung wirtschaftlicher Probleme und sozialer Konflikte, also ihrer Projektion auf das Phänomen der Einwanderung bzw. auf die Zuwanderer selbst, begegnet werden.
Im Zentrum unserer Arbeit steht der offene Dialog mit Jugendlichen und zwischen den Jugendlichen. Es geht uns darum, begründeten Mut zu machen: Mut, aufeinander zuzugehen und den gesellschaftlichen Alltag zu gestalten.
Sich in diesem Rahmen mit Einwanderung auseinander zu setzen, bringt mehr als nur notwendige Antworten auf Gegebenheiten und Probleme, die mit Migration zu tun haben: Eine Kultur der Aufnahme wäre in Wirklichkeit für alle von Nutzen. Die Gesellschaft könnte insgesamt daran wachsen, wenn wir uns für neue Erfahrungen öffnen, die Kommunikation über Unterschiede hinweg verbessern sowie funktionsfähige Strukturen und Institutionen der demokratischen Verhandlung auch im Alltag etablieren. Weil Individuen und Gesellschaft heute durch einschneidende Wandlungsprozesse herausgefordert sind, können sie viel von Migrantinnen und Migranten lernen. Denn diese haben besondere Erfahrungen dabei, biographische Umbrüche zu bewältigen und ihre Identität zwischen verschiedenen Wertsystemen auszuhandeln und zu artikulieren.

